buntes Leben in St. Georg

Kunst am Bau: täuschend echte Fensterszene
Kunst am Bau: täuschend echte Fensterszene
Ausgabe 1 / 2018

Schicke Cafés und raues Pflaster - das ist St. Georg. Gut wohnen lässt es sich hier zwischen Alster und Hauptbahnhof auch.

Wenn es stimmt, dass sich Gegensätze anziehen, dann ist St. Georg einer der anziehendsten Stadtteile von Hamburg – und einer, der sich stark verändert. Seit 30 Jahren steht Bernhard Wissing hinter seinem Tresen im Café Gnosa, bewirtet seine Gäste und beobachtet diese Veränderungen draußen vor dem Café. Im März 1988 hat er das Café in der Langen Reihe eröffnet. Heute ist es längst eine Institution im Viertel, ähnlich wie das mondäne Hotel Atlantic an der Außenalster oder das Ohnsorg-Theater im Bieberhaus.

Bernhard Wissing sitzt am Eingang mit seinen geschwungenen Fenstern unter einem Schwarz-Weiß-Foto von 1981, das genau diesen Eingang zeigt – und Ella Gnosa, wie sie das Schaufenster ihrer Konditorei putzt. Von ihr hat das Café die alte Leuchtreklame und den Namen übernommen. Der heutige Besitzer zeigt weitere historische Fotos von St. Georg. Zu sehen sind Armut und Verfall. Das Viertel galt lange als anrüchig. Heute präsentiert es sich in weiten Teilen saniert und herausgeputzt.

„Die Lange Reihe ist schöner und beliebter geworden – und was beliebt ist, wird halt auch teurer“, sagt Wissing nüchtern über die Veränderung der Straße. Für viele Unternehmer und Bewohner ist St. Georg schon zu teuer geworden. Aber bis heute gibt es zwischen Szene-Cafés, Edelboutiquen und Feinkosthändlern weiterhin alteingesessene Familienbetriebe und „Multikulti-Flair“ mit indischen Trödelläden, persischem Naschwerk und türkischen Gemüsehändlern – vor allem rund um den Steindamm.

Obwohl in den letzten Jahren hochpreisige Eigentumswohnungen entstanden und neue Bewohnerschichten ins Viertel kommen, lässt es sich weiterhin günstig wohnen in St. Georg. Die Nettokaltmieten der SAGA liegen hier bei durchschnittlich 7,50 Euro pro Quadratmeter. Der Bestand verteilt sich unter anderem auf die Lange Reihe, die Koppel und An der Alster. Die meisten der rund 400 SAGA-Wohnungen befinden sich im östlichen Teil des Viertels, in der Brennerstraße und der Stiftstraße.

Dort lebt auch Rita Geisselbrecht in einer barrierefreien Wohnung. In St. Georg ist sie „bekannt wie ein bunter Hund“, sagt sie selbst. Tatsächlich dauert es immer eine Weile, wenn sie mit ihrem Rollstuhl im Viertel unterwegs ist. „Eigentlich wohne ich ja nur fünf Minuten vom Wochenmarkt entfernt. Aber immer grüßt mich jemand und dann halte ich ein Pläuschchen. Da kann das auch mal 20 Minuten dauern“, sagt die SAGAMieterin halb entschuldigend zur Begrüßung. Zweimal die Woche ist Markt auf dem Carl-von-Ossietzky-Platz. Wie viele Anwohner kauft Rita Geisselbrecht gerne hier ein.

Seit rund 40 Jahren wohnt sie schon im Stadtteil. Früher im obersten Stockwerk eines Hotels, das sie lange Jahre mit ihrem Mann betrieben hatte, und seit gut zehn Jahren in ihrer jetzigen Wohnung. „Auch wenn ich einiges verändert hat, kenne ich hier immer noch viele Leute – und die kennen mich. Ich lebe gerne in diesem Quartier und bin pausenlos auf Achse“, erzählt die Rentnerin und steuert zum nächsten Treffpunkt am Hansaplatz mit seinen prächtigen Gründerzeithäusern und dem Hansabrunnen in der Mitte.

Dank einer aufwendigen Umgestaltung ist der Platz autofrei und gesäumt von zahlreichen Restaurants und Cafés. Auch Rita Geisselbrecht geht hier gerne aus. Sie empfiehlt das Café Traumzeit. Direkt gegenüber ist das „Vor-Ort-Büro“, in dem man sie mit großem Hallo empfängt. Ein Verein betreibt diesen Nachbarschaftstreff, in dem viele Kurse und Kulturveranstaltungen angeboten werden. Eckhard Bühler, ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, der heute das Büro leitet, erklärt die Aufgabe so: „Am Hansaplatz treffen die unterschiedlichsten Milieus aufeinander – gepflegte Gastronomie neben dem Kiosk mit dem billigsten Bier in Hamburg, die entsprechende Trinkerszene, Prostituierte, Flüchtlinge, Anwohner, die seit Jahrzehnten hier wohnen, und wohlhabendere neue Bewohner. Wir versuchen, diese verschiedenen Interessen zu moderieren.“ Ob das gelingt, ist völlig offen. St. Georg verändert sich weiter – die Gegensätze bleiben.