Barmbek ist Backstein, rau und gradlinig

Mit seiner Buchhandlung am Barmbeker Bahnhof ist Ulrich Hoffmann bereits im 36. Jahr dem Stadtteil verbunden | Foto: C. Braun
Mit seiner Buchhandlung am Barmbeker Bahnhof ist Ulrich Hoffmann bereits im 36. Jahr dem Stadtteil verbunden | Foto: C. Braun
Ausgabe 2 / 2018 Ausgabe als PDF speichern

Von der Innenstadt aus gesehen liegt der Stadtteil in zweiter Reihe, begrenzt vom Stadtpark im Westen und dem Osterbekkanal im Süden. Ein ehemaliges Arbeiterviertel wie St. Pauli. Es ist kein Zufall, dass hier das Museum der Arbeit seinen Standort hat.

In einer ehemaligen Fabrik, den Hallen der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie. Aus Backstein, versteht sich. Aus Backstein sind auch die meisten der rund 3.500 Wohnungen der SAGA Unternehmensgruppe im Quartier. Anders als auf St. Pauli käme hier aber niemand auf die Idee, das Quartier als hip zu bezeichnen. Unaufgeregt schon eher. Unaufgeregt wie auch dessen Bewohner. Und bodenständig, wie es zum Ort passt.

In den letzten 20 Jahren hat sich der Stadtteil stark verjüngt. Viele Studenten und junge Familien sind zugezogen – auch weil neu gebaut wurde. Andere dagegen sind schon ewig hier. So wie Ulrich Hoffmann, der im 36. Jahr seinen Buchladen am Barmbeker Bahnhof betreibt. „Eigentlich sind wir viel mehr als ein Buchhandel. Über den Tresen hinweg geht es oft auch um ganz andere Themen als um Bücher“, sagt der 60-Jährige und schmunzelt. Eine Art Kommunikationszentrale sei sein Laden. Und zu besprechen gibt es viel, denn der Stadtteil verändert sich.

Diese Veränderung begleitet Ulrich Hoffmann aktiv. Er ist Vorstand der Interessengemeinschaft Fuhlsbüttler Straße e.V., der IG Fuhle, einem Verbund von Gewerbetreibenden rund um die Fuhlsbüttler Straße. Die sogenannte „Fuhle“ zieht sich vom Barmbeker Bahnhof hoch bis über die Stadtteilgrenze hinaus zum Ohlsdorfer Friedhof.

Sie ist so etwas wie die Lebensader des Stadtteils – lange Zeit jedoch weder pulsierend noch ansehnlich. Ein Grund, warum das Gebiet rund um die Fuhle 2005 vom Senat zum Sanierungsgebiet erklärt wurde. Seitdem haben sich insbesondere der südliche und nördliche Teil der Geschäftsstraße sehr gewandelt. In den letzten Jahren siedelten sich internationale Gastronomie und neues Gewerbe an. Der öffentliche Raum wurde umgestaltet. Das gilt auch für das Eintrittstor zur Fuhle, die 2017 fertiggestellte Piazzetta-Ralph-Giordano. Der Namensgeber ist geborener Barmbeker: Und so ließ der Autor und Publizist Ralph Giordano den Stadtteil auch Schauplatz seines berühmten Romans „Die Bertinis“ werden. Der Platz am Barmbeker Bahnhof bildet auf kleinem Raum bereits viel von dem ab, was Barmbek-Nord ausmacht. Kaffeeduft mischt sich mit Dönergeruch, Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft strömen vom oder zum Barmbeker Bahnhof, rhythmisches Hämmern einer Großbaustelle  dröhnt von der anderen Straßenseite, der Supermarkt liegt um die Ecke, direkt gegenüber seit mehr als 30 Jahren Ulrich Hoffmanns Buchladen.

Gemeinsam mit der IG Fuhle unterstützt er beim Ankommen, aber auch beim Bleiben, bringt neue und alte lokale Akteure, Gastronomen und Einzelhändler zusammen. Überhaupt gebe es hier enorm starke Stadtteilforen, sagt der Buchhändler. Kulturzentren wie die Zinnschmelze am Barmbeker Bahnhof oder das Bürgerhaus im Norden bieten Workshops, Seminare, Kurse, Cafés und Stadtteilgespräche.

Das erleichtert den Zugezogenen das Ankommen. Wie die Neu-Barmbeker seien? „Herzlich, kommunikativ, nachbarschaftlich“, antwortet Ulrich Hoffmann, ohne zu zögern. „Viele merken, dass hier Bewegung ist, dass sie gehört werden und man sich einbringen darf.“

Ein Eindruck, den Ulli Smandek vom Bürgerhaus Barmbek bestätigt. Der Generationenwechsel sei erfolgt, die Atmosphäre geblieben. Vielleicht läge es an der Bauweise. Die trägt die Handschrift des ehemaligen Oberbaudirektors Fritz Schumacher, der in den 1920er/1930er-Jahren mit den von Grünzügen unterbrochenen Backsteinensembles den Stadtteil prägte. Das mache es „stressfrei“, findet Ulli Smandek.

Nicht mit Sehenswürdigkeiten gespickt, aber dennoch sehenswert sei Barmbek, findet Buchhändler Ulrich Hoffmann. Recht hat er. Hier gibt es keinen Michel, keine Schar an Touristen, keine ausgeprägte Clubszene. Barmbek-Nord ist ein Stadtteil zum Leben, hier gibt es – unerwartet hinter der nächsten Ecke – grüne Freiflächen, roten Backstein, der selbst bei tristem Wetter strahlt, gutes Essen für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel und originelle inhabergeführte Läden direkt neben dem riesigen Supermarkt. Vor allem aber gibt es Menschen, die sich nicht so wichtig nehmen und die damit den Stadtteil so wunderbar gelassen machen. Die sich aber gleichzeitig für ihn einsetzen, denen es nicht egal ist, wie es weitergeht. Und so bewegt sich Barmbek-Nord weiter, an vielen Stellen auch optisch. Am Bahnhof entsteht im kommenden Jahr ein Hotel mit Gewerbeflächen im Erdgeschoss. Die Fassade aus Backstein. Natürlich.

 

Ausgabe als PDF speichern