Gemeinschaft in den Grindelhochhäusern

Foto: Hanna Karstens
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Ausgabe 4 / 2020 Ausgabe als PDF speichern

Anders als ursprünglich geplant zogen in die Grindelhochhäuser keine britischen Offiziere ein. Stattdessen fanden hier zwischen 1950 und 1956 viele glückliche Hamburger ein Zuhause. Die Wohnungen waren hochmodern und im Nachkriegsdeutschland heiß begehrt. Und auch wenn aus damaligem Luxus heute Standard geworden ist: Die Wohnungen sind immer noch sehr beliebt. Die Grindelhochhäuser waren als Deutschlands erste Hochhausanlage eine Sensation, heute stehen sie unter Denkmalschutz.

DIE VIELFALT MACHTS

Wenn SAGA-Hauswart Hüseyin Göncü durch den Park rund um die Grindelhochhäuser geht, kommt er aus dem Grüßen nicht mehr raus: „Man sieht immer wieder die gleichen Gesichter“, lacht er. Seit sechs Jahren kümmert er sich hier um tropfende Wasserhähne, organisiert Wohnungsbesichtigungen und hat ein offenes Ohr für die Mieter. „Es ist wie ein Dorf – mitten in der Stadt. Die Leute verstehen sich super“, erzählt er. Ganz unterschiedliche Menschen leben hier zusammen – ob Studenten, Senioren, Akademiker, Handwerker, Zugezogene oder Hamburger seit Generationen. Nur eine Sache stört Hüseyin Göncü, der ebenfalls in einem der schlanken 14-Geschosser lebt: „Meine Küche hat Sonne von morgens bis zum späten Abend. Da darf man keine Butter draußen stehen lassen, die schmilzt sofort.“ Für manch andere Hamburger sind das wohl Luxusprobleme.

WILLKOMMEN IM PARADIES

Das Papier des Mietvertrags von Gundula Schmidt-Brunn zerbröselt schon fast. 1951 ist sie als Erstmieterin in ihre Wohnung gezogen – zusammen mit ihrem Mann und den neugeborenen Zwillingsjungs. „Vorher habe ich auf vier Quadratmetern gelebt. Wir hatten das Gefühl, wir kommen ins Paradies“, erzählt Gundula Schmidt-Brunn. Herrlich lebendig sei es gewesen, Hunderte Kinder tobten zwischen den Häusern, ihre Jungs mittendrin. In den Läden im Erdgeschoss kauften die Leute ein: „Wir hatten fantastische Geschäfte vom Schlachter über den Gemüseladen, den Herrenausstatter, das Spielzeuggeschäft bis zur Eisdiele. Und zum Waschen trafen wir uns in der zentralen Wäscherei.“ Und heute? „Heute ist es ganz anders, aber auch toll. Ich fühle mich wie im betreuten Wohnen. Viele Nachbarn kümmern sich um mich. Die Nachbarin aus dem 14. Stock zum Beispiel gibt mir immer ein Schälchen Salat, wenn sie neue Rezepte probiert.“

ORT MIT SEELE

„Entweder wir verkaufen die Blumen schnell oder wir müssen laufen“, lacht Zelda Czok. Ihr Pflanzengeschäft „Winkel van Sinkel“ liegt in der Tankstelle der Grindelhochhäuser und hat keinen Wasseranschluss. Das Gießwasser muss die Pflanzenliebhaberin deshalb aus der benachbarten Tiefgarage holen. Aber davon lässt sie sich nicht abschrecken. Die gläserne, wunderschön geschwungene Tankstelle von 1953 ist für sie ein Traum: „Dieser Ort hat eine Seele, er bringt Menschen zum Reden. Viele der Grindelviertel-Bewohner erzählen uns hier von ihrem Leben oder schenken uns Ableger ihrer Pflanzen. Hier kommen Menschen zusammen, das ist wundervoll.“

ANGEKOMMEN IM GRINDELVIERTEL

„Wir sind mittendrin in der Stadt“, schwärmt Myroslava Topylko, die seit dreieinhalb Jahren in einem Grindelhochhaus lebt. Die Studentin, die aus der Ukraine eingewandert ist, hat hier Wurzeln geschlagen. „Ich mag es besonders, dass sich hier die Generationen so mischen. Ich habe Kontakt zu vielen Leuten im Haus, darunter etliche ältere Menschen. Besonders gern mag ich eine Familie: Als ich eingezogen bin, lag der Sohn noch im Kinderwagen, jetzt saust er mit dem Laufrad durch den Park. Es ist toll, das mitzuerleben.“ Im Moment schreibt Myroslava Topylko ihre Abschlussarbeit in Erziehungs- und Bildungswissenschaften, danach hofft sie auf eine Stelle in Hamburg. Im Grindelviertel will sie bleiben: „Wo sollte es mir besser gehen?“

INSPIRATION

Seit 1978 wohnt der Fotograf DG. Reiß in einer Atelierwohnung direkt unterm Dach. Davon gibt es zwölf Stück, vermietet werden sie an Künstler. Die Atelierwohnung hat ringsherum Fenster, von hier aus liegt Hamburg zu Fü.en: „Das ist wirklich eine tolle Perspektive. Im 9. Stock bin ich etwas abgehoben von der Straße und gleichzeitig mittendrin. Das ist einfach sehr, sehr inspirierend.“

GRÜN, SO GRÜN

Rund um die zwölf Gebäude erstreckt sich ein weitläufiger Park, der ebenfalls unter Denkmalschutz steht. Hier spazieren Nachbarn, der Nachwuchs übt Radfahren und Eichhörnchen flitzen umher. Kein Autolärm stört das Vogelgezwitscher. Das Beste: Die Bäume sind so gepflanzt, dass man nirgendwo das Gefühl hat, von zwölf Hochhäusern umgeben zu sein.

ZU FUSS INS STANDESAMT

In einem der Grindelhochhäuser ist – übrigens schon seit 1953 – das Bezirksamt Eimsbüttel untergebracht. Die Grindelviertel-Bewohner haben es also nicht weit, wenn sie einen neuen Reisepass oder Personalausweis brauchen. Und für viele gehört das Gebäude auch zu ganz privaten Erinnerungen, denn hier geben sich etwa 1.000 Paare pro Jahr das Ja-Wort: „Ja klar, es gibt Paare aus den Hochhäusern, die natürlich unbedingt im ‚Nachbarhochhaus‘ heiraten möchten“, erzählt Bezirksamtsleiter Kay Gätgens. Aus vielen Gesprächen weiß er: „Die meisten sind ein bisschen stolz darauf, in diesem besonderen Ensemble zu leben.“

 

Text: Andrea Guthaus | Foto: Hanna Karstens  

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