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Ackern in der Stadt

Foto: Hanna Karstens
Foto: Hanna Karstens
Ausgabe 5 / 2020 Ausgabe als PDF speichern

Während sich unsere Großeltern noch weitestgehend regional und saisonal ernährten, Lebensmittel haltbar machten, Kleidung nähten oder Gegenstände reparierten, leben wir inzwischen in einer Überfluss- und leider auch Wegwerfgesellschaft. Immer mehr Menschen möchten deshalb nachhaltiger sowie ressourcenschonender leben und nicht nur Konsument, sondern auch Produzent sein.

WORKSHOPS IN DER WERKSTATT

Für Stadtmenschen ohne Garten ist schon der Ansatz, sich selbst zu versorgen, eine große Herausforderung. Doch dank verschiedener Initiativen und Projekte ist es auch in Hamburg und Umgebung möglich, selbst zu produzieren. Eines dieser Projekte ist „Minitopia“, das auf einem rund 1.800 Quadratmeter großen Areal einer ehemaligen Lkw-Werkstatt in Wilhelmsburg ins Leben gerufen wurde. „Im Grunde verstehen wir uns als praktische Anleiter für ein nachhaltiges Leben“, sagt Stefanie Engelbrecht. Die Idee dazu kam der 44-Jährigen nach einem Stromausfall, als ihr die Ängste und die Hilflosigkeit ihrer Mitmenschen auffielen. Daraufhin suchte sie zusammen mit Kathrin Schäfer nach einem Ort, um diesen zu zeigen, wie sie sich mit den Ressourcen vor Ort und den eigenen Händen in der Stadt selbst versorgen können. Zwischen Weiden und Industriegebiet wurde sie 2017 schließlich auf der Elbinsel fündig. Seitdem reihen sich auf dem Gelände Hochbeete in einem verwilderten Garten aneinander. Nur die alte Werkstatt mit einer kleinen Küche erinnert noch an frühere Zeiten. Hier veranstalten die beiden Hamburgerinnen regelmäßig Workshops, in denen sie Interessierten zeigen, wie sie Hochbeete, Insektenhotels, Möbel oder Spielzeug herstellen sowie Reste verwerten und Lebensmittel haltbar machen können. Mit Erfolg: Nach drei Jahren hat sich ihr Projekt als Plattform, Keimzelle und Spielplatz urbaner Selbstversorgung etabliert.

PARZELLEN PACHTEN

Ein anderes Konzept verfolgen Susanne Drengemann und Peter Kreipe mit ihrem „Erlebnisgarten“. Die Agraringenieurin und der Gärtnermeister haben sich 2010 in den Vier- und Marschlanden mit einer Bioland-Gärtnerei auf einem zwei Hektar großen Grundstück an der Elbe selbstständig gemacht. Der Plan war, unter anderem Parzellen für Selbstversorger anzubieten, die sie gegen einen Jahresbeitrag pachten können. „Mein Mann wollte Blumen anbauen und ich wollte ein Areal schaffen, auf dem Menschen gärtnern, aber auch Kinder Geburtstage feiern können“, erinnert sich die 45-Jährige. Nachdem das Projekt zunächst skeptisch von den Nachbarn beäugt wurde, kamen schnell Mieter für die anfangs 20 Parzellen zusammen. Heute gibt es 70 Einheiten – vom kleinen Relax-Garten mit 15 Quadratmeter Anbaufläche bis hin zur Parzelle mit 43 Quadratmetern. Dort säen die Betreiber jedes Jahr im Frühling verschiedene Gemüsearten, Kräuter und Blumen nebeneinander aus. Von Mai bis Oktober pflegen dann die Mieter ihre Beete. „Bei uns können auch absolute Gartenanfänger auf eine reiche Ernte hoffen“, betont Susanne Drengemann.

GELBE SEITEN FÜR SELBSTVERSORGER

Eine gute Übersicht über solche Selbstversorger- Konzepte bietet die Plattform www. gruenanteil. net. Der Hamburger Grafiker Fabian Berger hat die Info- Seite 2015 im Rahmen eines vom Bund finanzierten Projekts in Kooperation mit dem Ottensener Ideenpool „Motte“ ins Leben gerufen. „Es ist im Grunde so was wie die Gelben Seiten für Urban- Gardening- Projekte“, erklärt der 38-Jährige. Die Plattform ist erfolgreich – rund 330 Projekte, vor allem aus dem Raum Hamburg, haben sich dort schon eingetragen.

 

Text: Tove Johannson | Foto: Hanna Karstens  

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