Persönlich

Über den Dächern der Stadt

Wer zu Daniel Vogler möchte, sollte schwindelfrei sein. Unweit der Reeperbahn wohnt der Künstler im 12. Stock, rund 40 Meter über dem Erdboden. Seit 18 Jahren ist die Wohnung sein Zuhause. Knapp ein Jahr später mietete er auch das Atelier auf derselben Etage. Bis zu seinem Umzug in luftige Höhe wusste er – wie wahrscheinlich viele Mieter des Hauses – gar nicht von dessen Existenz.

Mit Blick auf den Hafen entstehen hier Keramiken in Groß und Klein, Buchzeichen und sogenannte Skalpellschnitte. Das sind winzige Zeichnungen, die ausgeschnitten und auf Nadeln in Bilderrahmen gepinnt werden. Wenn die Sonne in das Atelier scheint, werfen sie feine Schatten, im Wolkenspiel scheint es, als tanzten sie. „Ich habe früher viel im Zoo gezeichnet. Tiere haben mich schon immer fasziniert, ich hatte sogar mal eine Insektensammlung“, erzählt der 58-Jährige. So entstand die Idee zu den Skalpellschnitten.

KÜNSTLER DURCH UND DURCH

Der im Frankfurter Raum aufgewachsene SAGA- Mieter kommt aus einer Bildhauerfamilie, studierte in Nürnberg freie Grafik und Malerei. Das Interesse an Druckgrafik und die Aussicht auf Arbeit zogen ihn in den Norden. In einer renommierten Kupferdruckerei arbeitete er zunächst als freier Mitarbeiter, 2010 übernahm er sie gemeinsam mit einem Kollegen. Dieses Hauptstandbein betreibt er nun in einem Atelierhaus in Wedel. Hier werden mit einer zwei Tonnen schweren Spezialwalze unter anderem riesige Holzschnitte gefertigt und auch die im Hamburger Atelier hergestellten Keramiken werden dort gebrannt.

VOM ALLTAG INSPIRIERT

Hier im Atelier sucht man das kreative Chaos vergeblich. Unordnung mache ihn nervös, sagt Daniel Vogler und lacht. Und so reihen und stapeln sich Keramiktierchen sowie Glasuren wie Karibik-Matt oder Ägäis-Blau fein säuberlich aufeinander. In diesem Umfeld ist seit acht Jahren das tägliche Zeichnen sein Ritual. Mehr als 4.000 Zeichnungen sind so schon entstanden, thematisch immer unterschiedlich. „Manchmal lasse ich mich auch von Helge Schneider inspirieren“, erzählt der Künstler. Doch vor allem ist es der Alltag, aus dem Daniel Vogler seine Inspiration schöpft und der für einen enormen künstlerischen Output sorgt: „Im Alltag findet man die spannendsten Sachen, da muss ich in Gedanken nicht groß fremdgehen, da ist schon alles da.“ Zurück in seiner Wohnung blickt er vom Balkon gen Westen und sagt: „Hier genießen wir jetzt im Sommer oft den Sonnenuntergang. Das ist besser als Kino.“ Beim Blick in die Ferne kann man ihm nur recht geben.

 

Text: Johanna Küther | Fotos: Andreas Bock

 

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