Quartier Unterwegs

Mittendrin: Die Lenzsiedlung

Was für eine Veränderung! Georg Brix und Martin Sattler sitzen auf der Terrasse vor „ihrem“ Café, der „Villa im Park“ auf dem Else-Rauch-Platz in Eimsbüttel, und erzählen von früher. Vor ihnen auf dem Platz sausen Kinder mit Rollern über den schönen Platz oder purzeln den Grashügel herunter, während ihre Eltern von den Sitzbänken aus alles im Blick haben.

„Das war früher eine völlig verwilderte Fläche, richtig versifft. Nur Trinker haben sich hier getroffen“, berichtet Martin Sattler. Zusammen mit Georg Brix hat er 2003 den Kulturverein Else-Rauch- Platz gegründet und organisiert seither unter anderem den monatlichen Anwohnerflohmarkt oder das alljährliche Methfesselfest. Georg Brix ist gleichzeitig Inhaber des Cafés. „Die Villa war früher mal ein abgerocktes Klohäuschen, das wir in unserer Freizeit saniert und umgebaut haben.“ Nächstes Jahr feiert die „Villa im Park“ nun schon ihren 20. Geburtstag.

So wie der Else-Rauch-Platz sahen auch weite Teile von Eimsbüttel vor 20 Jahren noch anders aus. „Der Stadtteil stand auf der Kippe“, erinnert sich Georg Brix. Durch ein sogenanntes Revitalisierungsprogramm konnten unter anderem der Platz umgestaltet und der Bau der „Villa“ gefördert werden. Heute gilt Eimsbüttel als Szeneviertel und familienfreundliches „Eimsbullerbü“. Rund um die Osterstraße gibt es jetzt schicke Boutiquen, Bistros und Babyläden. Die Mieten im Stadtteil sind rasant gestiegen und Wohnungen heiß begehrt.

Auch Miriam und Michael Kind wollten am liebsten hierherziehen, nachdem ihre erste Tochter Marlen geboren und die alte Wohnung in Horn zu klein geworden war. Fündig wurden sie in der Lenzsiedlung, nahe dem Else-Rauch-Platz. In den 1970ern entstand dort zwischen Eidelstedter Weg und Lenzweg eine Siedlung aus Hochhäusern mit meist neun bis 13 Stockwerken und Wohnungen um einen parkartigen Innenhof. Die meisten Wohnungen gehören der SAGA – so auch die Wohnung von Familie Kind.

„Ganz ehrlich: Ich wollte nie im Hochhaus wohnen. Aber als wir die Wohnung gesehen haben, waren wir sofort angetan“, sagt Miriam Kind. Jetzt freut sich die Familie über den grünen Ausblick vom Südbalkon ihrer 80-Quadratmeter-Wohnung, die gute Lage und die günstige Miete. Im Durchschnitt liegen die Mieten hier unter sechs Euro.

Miriam Kind arbeitet als Erzieherin in Eimsbüttel, ihr Mann ist Vermessungsingenieur und pendelt über die nahe Autobahn nach Elmshorn. „Auch sonst ist die Lage für uns ideal: Wir haben die U-Bahn vor der Tür, die Osterstraße zum Einkaufen und Bummeln ist gleich um die Ecke. Zum Tierpark Hagenbeck laufen wir zu Fuß und überhaupt haben wir ganz viel Grün in der Siedlung und der Umgebung“, erzählt Miriam Kind auf dem Abenteuerspielplatz neben der Siedlung, während Vater Michael mit der fünfjährigen Marlen und ihrer kleinen Schwester Heidi in der Sandkiste spielt.

An diesem sonnigen Nachmittag sind viele Familien hier. Die Mütter und Väter klönen miteinander, während ihre Kinder auf den Klettergeräten oder Wiesen herumtoben. „Durch die Kinder lernt man sich schnell kennen“, sagt Miriam Kind, „wir haben sogar eine eigene Spielplatzgruppe bei WhatsApp und verabreden uns.“ Auch sonst ist der Kontakt untereinander gut. „Dafür wird hier viel gemacht“, findet die 36-Jährige und lobt den Verein Lenzsiedlung e. V., der zahlreiche Angebote bereithält – fast immer kostenlos.

Ralf Helling ist Geschäftsführer dieses Vereins, der im Bürgerhaus gleich neben dem Spielplatz sitzt und Beratungs- und Freizeitangebote für die Mieter der Lenzsiedlung, aber auch die gesamte Nachbarschaft anbietet, Ausflüge organisiert, ein Café mit günstigem Mittagstisch betreibt und natürlich einen Jugendclub und ein Kinderhaus. Die Palette ist groß, der Bedarf aber auch. „Jeder Dritte hier lebt von Transferleistungen. Daher ist es gut, dass wir da sind“, findet nicht nur Ralf Helling. Angesprochen auf den früheren Ruf der Siedlung als sozialer Brennpunkt sagt er: „Unsere Arbeit hat Ruhe reingebracht.“ Nicht nur Eimsbüttel, auch die Lenzsiedlung hat sich verändert.

 

Tipps:

DER KEKSBÄCKER

Die Backstube beliefert unter anderem das Hamburger Rathaus und gehobene Hotels mit köstlichen Buttertatzen und anderen Keksen. Im kleinen Shop gibts auch Sitzgelegenheiten und Kaffee zum Keksteller.

Sorthmannweg 10

www.der-keksbaecker-shop.de

 

KUNSTEISBAHN STELLINGEN

Etwas versteckt hinter der U-Bahn- Station „Hagenbecks Tierpark“ liegt die Eisbahn und bietet von Oktober bis März jeden Tag (außer Montag) die Möglichkeit zum Eislaufen. Schlittschuhe können ausgeliehen werden.

Hagenbeckstraße 124

www.eisbahn-stellingen.de

 

RUSSISCH-ORTHODOXE KIRCHE

Direkt neben der Lenzsiedlung bietet sie mit ihren russischen Zwiebeltürmchen ein ziemlich exotisches Bild: die Kirche des heiligen Prokop. 1965 für die Russisch-Orthodoxe Gemeinde in Hamburg errichtet, steht sie heute unter Denkmalschutz.

Hagenbeckstraße 10

www.prokopij.de

 

Text: Rainer Müller | Fotos: Sarah Rubensdörffer

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