Quartier Unterwegs

Ein wunderbares Quartier

Altona-Altstadt ist ein kleines Kunststück gelungen. Umgeben von hippen Szenevierteln hat sich das Quartier seine Unaufgeregtheit bewahrt. Ganz ohne Chichi gibt es hier jede Menge urbane Perlen: verwunschene Plätze, viel Grün und eine Einkaufsmeile, auf der Feinkostgeschäft und Ein-Euro-Laden ganz entspannt nebeneinanderliegen. 

Das ist hier einfach eine Oase“, schwärmt Beate Frentz, die seit über 30 Jahren mit ihrer Familie in Altona-Altstadt lebt. „Hier akzeptiert jeder den anderen und genau so soll es sein.“ Wir treffen sie im Walter-Möller- Park. Einen großen Spielplatz gibt es hier, einen Skatepark, einen Hundeauslauf, und von der nahen Grundschule klingt fröhliches Kindergeschrei herüber. Im Park-Café bekommt man für kleines Geld einen Kaffee, der Service ist herzlich. „Die Gemeinschaft hier im Quartier ist einfach toll. Man trifft Menschen aller Nationalitäten und alle sind entspannt miteinander“, erzählt die SAGA-Mieterin.

Das Quartier ist ein Schmelztiegel, das lässt sich besonders gut auf der zentralen Einkaufsmeile, der Großen Bergstraße, beobachten. Hier hat Christiane Scheven ihre Buchhandlung ZweiEinsDrei: „Das Viertel hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Es ist immer noch gut durchmischt, aber es sind viele Familien dazugekommen.“ Seit zehn Jahren verkauft Christiane Scheven hier Lesestoff – schräg gegenüber von IKEA, um dessen Ansiedlung es zu Beginn viel Diskussionen gegeben hatte. 2014 war die Eröffnung, es war die erste Innenstadtfiliale des schwedischen Möbelriesen. Überhaupt ist die Einkaufsmeile ein Ort, an dem gern experimentiert und diskutiert wird. In der Großen Bergstraße entstand 1966 Deutschlands erste Fußgängerzone. Nach dem Krieg lagen große Teile von Altona-Altstadt in Trümmern. Der frühere Bürgermeister Max Brauer befand nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil: „Unser Altona, unsere alte Heimat, war wie ausgelöscht.“ Doch die Idee einer Einkaufsmeile fruchtete seinerzeit nicht richtig, die Geschäfte wollten nicht florieren. Die Buchhändlerin berichtet: „Als wir unser Geschäft eröffneten, war hier vor allem Ödnis.“ Das Frappant-Gebäude – eines der vielen baulichen Zeugnisse der Nachkriegsmoderne – verfiel. „Diese Ruine konnte man nicht stehen lassen. Es ist deshalb gut, dass etwas Neues entstanden ist.“

Heute wirkt der IKEA-Neubau noch immer etwas fremdartig inmitten der umliegenden Bauten. Drumherum liegen vor allem Discounter, Ein-Euro- Läden, Apotheken und Textilketten, für zehn Euro werden Haare geschnitten. Aber es gibt auch spannende inhabergeführte Geschäfte wie das Feinkostgeschäft Claus Kröger, wo schon das Schaufenster verrät, dass jeder Tee, jede Schokolade mit viel Liebe ausgesucht ist. Vermutlich macht gerade dieses Nebeneinander den Charme des Quartiers aus. Nebeneinander ist überhaupt ein gutes Stichwort für Altona-Altstadt. So trubelig es auf der Großen Bergstraße zugeht, so leise kann das Quartier auch sein. Fast verwunschen wirken Orte wie der Lornsen-, der Paulsenoder der Winklersplatz. Im Wohlerspark, der früher ein Friedhof war, toben Kinder auf verwitterten Gräbern, ziehen Jogger ihre Runden und wieder andere üben Tai-Chi oder picknicken. In gemütlichen Stadtteilkneipen oder auf bunten Straßenfesten trifft sich die Nachbarschaft. Von trister Nachkriegsarchitektur über denkmalgeschützte Backsteinensembles bis zu wunderschönen Altbauten – hier gibts alles. Neubauten sind in den vergangenen Jahren ebenfalls dazugekommen, zum Beispiel in der Thadenstraße rund um die Bücherhalle oder zwischen Chemnitz- und Thedestraße auf dem Gelände einer ehemaligen Schule. Trotz des Wandels hat sich das Quartier seine Bodenständigkeit erhalten. Christiane Scheven findet: „Man merkt den Wohnungsbau an vielen Stellen. Früher stand man allein an der Ampel, heute stehen zehn oder zwanzig Radfahrer neben mir. Es ist einfach voller geworden. Aber dennoch ist und bleibt es ein wunderbares Quartier.

 

TIPPS

 

HUMMEL & QUIDDJE

Ankommen, entspannen, sabbeln. In dieser wunderbaren kleinen Kneipe trifft sich die Nachbarschaft zum Feierabend. Hier werden feine Weine, Bier vom Fass, köstliche Salamistullen und Käseplatten serviert. Ab und an finden auch Konzerte statt. Und im Sommer sitzt man im Garten.

Bernstorffstraße 66

www.hummelundquiddje.de

 

HAUSDREI

Flohmärkte, Kinderkino, Tanzcafé und einen Maltreff gibts im Stadtteilkulturzentrum. Schönes aus Holz und Ton entsteht in den offenen Werkstätten. Hier wird aber auch Tischtennis gespielt und musiziert oder Kaputtes repariert. Und wer hoch hinauswill, kommt zum Klettern am Bunker im August-Lütgens-Park.

Hospitalstraße 107

www.haus-drei.de

 

FIRST STAGE

Musical fernab der großen Bühnen: Im Theater First Stage steht der Nachwuchs auf der Bühne. Das Haus gehört zur Stage School Hamburg, einer Bühnenfachschule für Tanz, Gesang und Schauspiel. Mit 279 Plätzen ist es die kleinste Musical-Bühne der Stadt, die Preise sind erschwinglich.

Thedestraße 15

www.firststagehamburg.de

 

Text: Andrea Guthaus | Fotos: Hanna KarstensQuartierUnterwegs

Das könnte Sie auch interessieren

Unterwegs

Und was ist mit Tee? Teestadt Hamburg

Rund 80 Liter Tee trinkt jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Damit liegen wir weit hinter den Briten (201 Liter), die allgemein als Teenation gelten. (Foto: Hälssen & Lyon / (c)Martin Zitzlaff)