Quartier Veranstaltung

Hamburgs Manhattan

Was für eine Aussicht - auf der einen Seite erstreckt sich Harvestehude mit seinen weißen Altbauten und prächtigen Alleen. Auf der anderen Seite stehen die weiteren Hochhäuser wie schmale Scheiben parallel angeordnet. Silke Mörchen und Kirsten Albers entdecken ihre Nachbarschaft aus einer neuen Perspektive von der Dachterrasse aus. „Wir wollten schon immer mehr über die Grindelhochhäuser erfahren“, erzählen sie. Die beiden leben in der Nähe und sehen von ihrer Wohnung aus morgens die Sonne, die sich in den Fenstern der Hochhäuser spiegelt. Sie gehören zu den knapp 360 Interessierten, die am 8. und 9. September den Tag des offenen Denkmals nutzten, um an einer Führung über das Gelände der Grindelhochhäuser teilzunehmen.

Auf den ersten Blick sehen sie wie normale Hochhäuser aus, seit 2000 stehen die zwölf Gebäude schon unter Denkmalschutz. Was sie so interessant macht, erzählt die Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Helga Magdalena Thienel. Sie nimmt die Besucher gekonnt mit auf eine Reise durch die spannende Entstehungsgeschichte der Siedlung.

Die Geschichte der Grindelhochhäuser beginnt 1946 als „Hamburg project“. Ursprünglich als Prestigeprojekt der britischen Besatzungsmacht geplant, sollten hier Verwaltungs- und Wohngebäude für Offiziere entstehen. Die Fundamente waren bereits fertig, als entschieden wurde, das britische Hauptquartier nach Frankfurt zu verlegen. Zwei Jahre lag die Baustelle auf Eis, dann entschied die Stadt Hamburg, die zwölf Hochhäuser fertigzustellen und somit Wohnraum zu schaffen – den Zuschlag des damaligen Brauer-Senates erhielt die SAGA.

„Hamburgs Manhattan“ – diesen wortmächtigen Spitznamen erhielten die Grindelhochhäuser damals. Aus heutiger Sicht sind die Häuser gar nicht so hoch, andere Gebäude haben sie längst überholt. Damals war der Vergleich mit den Wolkenkratzern New Yorks allerdings nicht so abwegig, immerhin waren es die ersten Wohn-Hochhäuser Deutschlands. Ein visionäres Bauprojekt, und das nicht nur aufgrund der Höhe. Auch die Gestaltung war fortschrittlich - in ästhetischer, sowie in funktionaler Hinsicht. Zum Beispiel die elegante und geschickte Anordnung der einzelnen Gebäude in einer offenen Parkanlage. „Ich war überrascht von den Grünflächen“, berichtet Kerstin Mazander, die in Hamburg zu Besuch ist. „Von der Hochhaussiedlung bekommt man gar nichts mit“. Stattdessen Natur und viele Bäume, vom Lärm der Großstadt hören die Anwohner und Spaziergänger nichts. Kein Wunder, denn die versetzte Anordnung der Hochhäuser dient auch als Lärmschutz.

Nach der NS-Zeit konnten die Architekten ab Ende der 1940er Jahre endlich wieder modern bauen und an Ideen der Weimarer Zeit anknüpfen. Anstelle des typischen roten Backsteins entschieden die Architekten sich für helle Klinkerfassaden. Die rot- oder orange-weißen Markisen brachten bisweilen südliches Flair nach Hamburg.

Ein Spielwarenladen, Fisch-, Milch-, und Feinkostgeschäfte, ein Modesalon und ein Hutladen: Sie sind nur ein Teil der Geschäfte, die damals in einem der Häuser im Erdgeschoss Platz fanden. Und für den Schaufensterbummel an einem regnerischen Sonntag wurden die entsprechenden Gehwege überdacht, ebenso wie sämtliche Hauseingänge. Ausgestattet mit Fahrstühlen, Müllschluckern und einer Zentralwäscherei waren die Grindelhochhäuser als „gehobener sozialer Wohnungsbau“ beliebt.

Heute gibt es hier natürlich längst neue Geschäfte. In dem Wäschereigebäude ist nun eine Kindertagesstätte untergebracht und in der ehemaligen denkmalgeschützten Tankstelle befindet sich ein Blumenladen. Zehn der Hochhäuser gehören heute zum Bestand der SAGA Unternehmensgruppe.

Auf der Dachterrasse genießen die Teilnehmer unterdessen bei Kaffee und Kuchen die Aussicht und kommen ins Gespräch. Silke Mörchen und Kirsten Albers sind von der Führung begeistert. Nun kennen sie die  Geschichte der Hochhäuser, die sie von zuhause aus sehen.

Helga Magdalena Thienel freut sich, den Besuchern die Faszination Grindelhochhäuser näher zu bringen. Auf den ersten Blick fallen die besonderen Merkmale der Häuser und des Außengeländes gar nicht auf. Wie anschaulich vermittelt wurde, lohnt sich ein Spaziergang durch die Siedlung, um diese zu entdecken - auch auf eigene Faust.

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