Persönlich

„Hinz&Kunzt ist mein Zuhause und meine Familie.“

Verheiratet, vier Kinder, Arbeit in der Altenpflege: Harald Buchinger war zufrieden mit seinem Leben. Bis ihn eines Tages seine Frau verlassen hat. „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“, erzählt der Franke. Seine Wut und Enttäuschung ertränkte er in Alkohol und Drogen. Und dann gings in rasendem Tempo abwärts. Wohnung weg, Arbeit weg. „Ganz schnell stand ich vor der Frage, ob ich mich in Nürnberg vor C&A setze. Das wollte ich aber auf keinen Fall, inmitten meiner Heimatstadt.“ Und dann stand am Nürnberger Hauptbahnhof ein Zug mit Ziel Hamburg-Altona. „Da habe ich mich einfach reingesetzt“, erzählt Buchinger, wie er 1992 im Norden landete. Zwei Wochen lang konnte er bei einem Freund bleiben, dann setzte auch der ihn vor die Tür. „Ich war ausschließlich damit beschäftigt, den nächsten Rausch zu organisieren.“

Der fatale Rausch dauerte sieben Jahre. Harald Buchinger übernachtete in Abbruchhäusern und stieg – auf der Suche nach einem sicheren Schlafplatz – in den einem oder anderen Keller ein. Er war einer von rund 2.000 Menschen, die heute ohne Obdach in Hamburg leben. Weitere rund 10.500 Menschen sind in Notunterkünften und Wohnheimen untergebracht. Nach sieben Jahren Kälte, Hunger und Gewalt, nach sieben Jahren Leben von der Hand in den Mund nahm ihn jemand mit zu Hinz&Kunzt. Und das war der Wendepunkt. „Plötzlich wird man wieder gesehen. Man verkauft den Leuten eine Zeitung und die fragen, wie es einem geht.“ Drei Monate nachdem er sein erstes Straßenmagazin verkauft hat, bekommt er eine Wohnung in Wilhelmsburg. Die Sozialarbeiter von Hinz&Kunzt hatten ihn zur SAGA-Geschäftsstelle geschickt.

Von da an ging es wieder bergauf, Buchinger kam von den Drogen los, verkaufte Tag für Tag die Zeitung. Insgesamt zwölf Jahre lang. Heute gehört er zu den 36 festen Mitarbeitern des Projekts, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Für Schulklassen, Studenten und andere Gruppen wie Unternehmensbelegschaften macht er Stadtführungen. Er zeigt die Welt fernab des glitzernden Neuen Walls, führt die Gäste zur Bahnhofsmission, zur Drogenberatungsstelle Drob Inn und zur Aufenthaltsstätte Herz As. Im vergangenen Jahr hat er 344 Führungen gemacht, die Zahl kommt wie aus der Pistole geschossen. In seinen Augen funkelt Stolz. Heute hören ihm die Menschen zu, die früher mitleidig oder achtlos an ihm vorbeigegangen sind. Er ist dankbar, dass ihm dieser Weg geglückt ist, kein bisschen Bitterkeit ist zu hören. Das Leben seiner vier Kinder – die Zwillinge sind 24 Jahre, die beiden Großen 29 und 33 Jahre alt – verfolgt er über Facebook. Von seiner Schwester, mit der er ab und an telefoniert, hört er, wie es ihnen geht. Die Kinder wollen keinen Kontakt. „Noch nicht“, sagt Buchinger und wer weiß, vielleicht klingelt ja irgendwann doch noch das Telefon.

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