Quartier

Ottensen: wer kommt, will bleiben

Ottensen ist ein buntes, quirliges Szeneviertel – mit viel Tradition. Vielfalt ist Trumpf: Alte und Junge, Einheimische und Zugewanderte, Künstler und Handwerker treffen sich hier. Kaum zu glauben, dass Ottensen Ende der 1970er Jahre ein heruntergekommenes Industriequartier und dem Abriss geweiht war. Heute wird diese Geschichte herausgeputzt.

Kleine kopfsteingepflasterte Straßen, wunderschöne Fassaden, verwunschene Innenhöfe. In Ottensen macht es einfach Spaß, sich treiben zu lassen. Trubelig geht es eigentlich immer zu, denn hier passiert alles gleichzeitig – Wohnen und Arbeiten, Einkaufen und Kindergroßziehen, Essengehen und Kulturerleben. Vielfältige Geschäfte vom Gemüsehändler bis zur teuren Designer-Boutique drängen sich auf knapp drei Quadratkilometer Fläche. In den Hinterhöfen arbeiten Handwerker, in den Cafés stillen Mütter ihre Kinder und auf dem Spritzenplatz verkaufen die Bauern aus dem Umland frisches Obst und Gemüse.

Die Ottenser sind stolz auf ihre Geschichte und erinnern an vielen Stellen an das frühere Industrierevier: In der Winterstraße gibts das „Kinderhaus in der Chocoladenfabrik“, an der Nöltingstraße steht ein wuchtiger alter Bagger des Maschinenbauunternehmens Menck & Hambrock. Die Firma gehörte einmal zu den führenden Baggerherstellern weltweit, war größter Arbeitgeber in Ottensen, bis die Werkstore für immer schlossen. Tausende Menschen verloren im Ottensen der 1970er Jahre ihre Jobs – auch die Schiffsschraubenfabrik Zeise und die vielen Fischfabriken mussten schließen. Die Arbeiter verließen das Quartier, die Häuser verfielen. Dann kamen Studenten, Künstler und Kreative wie Peter Jorzick.

„Hinter der Sprossenverglasung aus der Industriezeit entwickelten wir Ideen für die Zukunft. Wir waren die erste Generation der Müslileute, die sich damals mit einer sehr grünen Philosophie dieses Quartier aneignete“, weiß der angesehene Immobilienentwickler. Die neuen Bewohner nutzten die vermeintliche Tristesse zum Probieren neuer Lebens- und Arbeitsformen. Die ersten Kinderläden öffneten, Kultureinrichtungen und Stadtteilgruppen entstanden. Peter Jorzick erinnert sich: „Die Zeisehallen waren ein neuer Ansatz, wieder Leben und Beschäftigung nach Ottensen zu holen.“ Wo früher Schiffsschrauben produziert wurden, zogen Einrichtungen aus Film und Medien ein. Später kamen Restaurants, Büros und eine Kita dazu. Bis heute erzählt die behutsam restaurierte Industriearchitektur mit Backstein, Gleisen und Stahlträgern von der Vergangenheit.

Die Rebellen fegten die Pläne einer Bürostadt nach Vorbild der City Nord vom Tisch und bewahrten die Altbauten, die Fabrikhallen und Hinterhöfe vor dem Abriss. So blieb in Ottensen jede Menge historische Architektur erhalten, auch im SAGA-Bestand mit den etwa 2.400 Wohnungen. Die meisten SAGA-Häuser stammen aus der Gründerzeit. Es sind aber auch ganze Gebäude-Ensembles dabei wie der Friedrich-Ebert-Hof oder die Bauten von Gustav Oelsner in der Bunsen- und der Helmholtzstraße. Anja Ehlers, Leiterin der SAGA-Geschäftsstelle Altona, sagt: „Viele Leute kommen als Studenten nach Ottensen und bleiben auch, wenn sie eine Familie gründen. Deshalb ist die Nachfrage nach großen Wohnungen in Ottensen sehr groß.“ Es seien schon besondere Leute, die hier in Ottensen lebten, erzählt sie. Die Ottenser engagierten sich für ihren Stadtteil, seien offen und tolerant. „Und wenn wir Umbauten planen, müssen wir immer jede Menge Fahrradbügel einplanen."

Viele sind hier mit dem Fahrrad unterwegs, aber auch etliche mit dem Auto. Und von denen lebt Jörg Schürer, der in einem Hinterhof in der Erzbergerstraße seine Autowerkstatt betreibt. Seit über 30 Jahren kommen die Ottenser mit ihren defekten Autos zu ihm – ob Familienkutsche, kleiner Stadtflitzer oder Handwerker-Lieferwagen. Die Werkstatt ist so bekannt, dass es an der Hofeinfahrt nicht einmal ein Hinweisschild gibt. Man kennt sich eben in Ottensen. Wer einen Parkplatz in der Nähe der Werkstatt ergattert hat, bringt Jörg Schürer am besten einfach den Schlüssel vorbei: „Denn einen Parkplatz aufzugeben ist eine sehr gefährliche Sache.“

 

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