Quartier

Reif für die Insel

In der Veringstraße verlieren auch die Bewohner schon mal den Überblick. Die Läden hier kommen und gehen wie Ebbe und Flut. „Früher wurde die Straße ‚Der Boulevard‘ genannt, ein Ort zum Bummeln und Flanieren mit vielen Fachgeschäften. Das kann ich mir gut vorstellen“, sagt Kerstin Esser-Vitt bei einem Rundgang durch das von Gründerzeithäusern geprägte Reiherstiegviertel. Heute sieht alles ganz anders aus. Zuletzt haben hier viele Cafés und Restaurants eröffnet.

Mit ihrer Familie wohnt sie etwas versteckt hinter der Veringstraße in einem ehemaligen Hausmeisterhäuschen, das zu einer Gasfabrik am Veringkanal gehörte. Die Fabrik gibt es nicht mehr. Dort steht heute ein moderner Gewerbehof mit Handwerkern und Ateliers. Andere alte Fabrikgebäude am Kanal blieben erhalten, etwa die Honigfabrik oder die Zinnwerke. In viele der Industriebauten sind Künstler und Kreative eingezogen, Bars und Veranstaltungsorte locken Besucher, im Kanal dümpeln Hausboote. „Die Unaufgeregtheit, das Wasser und das alte Grün mag ich an Wilhelmsburg besonders gern“, sagt Kerstin Esser-Vitt, die das alles direkt vor ihrer Haustür hat.

Von ihrem Häuschen aus betreibt sie mit ihrem Mann Hamburgs kleinste Pension: die Inselpension. Nur zwei Zimmer mit Familienanschluss vermieten sie hier. Weitere Betten bieten die beiden 40-Jährigen verteilt über Wilhelmsburg an ungewöhnlichen Orten. Das bunte Reiherstiegviertel ist der ideale Ort für solche kreativen Ideen. Deshalb lohnt sich ein Spaziergang durch das Viertel mit seinen schönen, denkmalgeschützten Altbauten, interessanten Läden und gemütlichen Cafés. Immer mehr Besucher entdecken den Reiz der Elbinsel – vor allem während des Festivals „48 h Wilhelmsburg“ oder „MS DOCKVILLE“. Der Stadtteil hat aber viel mehr zu bieten als Festivals und Szene-Läden.

„Ich empfehle unseren Gästen, sich ein Fahrrad zu leihen und die Insel in ihrer Vielfalt selbst zu erkunden,“ sagt Kerstin Esser-Vitt. Für den Start bietet sich der Energiebunker mit seiner grandiosen Aussicht an. Der Rundblick oben vom Café „vju“ geht über die ganze Elbinsel und den Hafen. Vor einigen Jahren ist der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg umgebaut worden und versorgt seither das benachbarte Weltquartier der SAGA mit sauberer Energie. Das vorbildlich sanierte und mit schönen Grünanlagen aufgewertete Quartier wurde genau wie der Energiebunker während der Internationalen Bauausstellung IBA Hamburg präsentiert, die 2013 gemeinsam mit der internationalen gartenschau hamburg (igs) in Wilhelmsburg stattfand.

Der Inselpark gehört zu den Hinterlassenschaften der igs und ist heute eine der beliebtesten Attraktionen im Stadtteil. Noch ist der Park geteilt wie der gesamte Stadtteil: Mittendurch läuft die Wilhelmsburger Reichsstraße. Aber das wird gerade geändert und die Straße um 400 Meter an die Bahntrasse verlegt. Ende 2019 soll sie fertig sein. Die zwei Parkhälften sollen dann zu einem schönen großen Park zusammenwachsen. Danach folgen die Wohngebiete.

„Mit der Verlegung der Reichsstraße verschwindet eine trennende Barriere und die Quartiere wachsen zusammen“, erklärt Karen Pein, Geschäftsführerin der IBA Hamburg GmbH, einer Nachfolgegesellschaft der Internationalen Bauausstellung. Auf der gesamten Nord-Süd-Achse vom Inselpark bis zum Spreehafen werden in den kommenden zehn bis 20 Jahren rund 5.000 neue Wohnungen gebaut und natürlich auch Geschäfte, Schulen, Kitas sowie Kleingärten und andere Grünflächen entstehen – eben alles, was eine richtige Stadt ausmacht.

Auch die SAGA wird sich an der Entwicklung beteiligen und dazu beitragen, dass das Wohnen in Wilhelmsburg bezahlbar bleibt. Bisher hält die SAGA 8.300 oder 40 Prozent aller Wohnungen im Stadtteil – zu Mieten von durchschnittlich 6,07 Euro je Quadratmeter.

Außer der alten Reichsstraße werden auch einige Gewerbeflächen und Kleingärten zwischen Aßmannkanal und Jaffekanal verlegt. Karen Pein verspricht: „Die vielen Kanäle und das neue Grün werden erlebbar und somit noch stärker den besonderen Charme der Elbinsel ausmachen.“ In Wilhelmsburg bleibt eben alles im Fluss.

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