Quartier Unterwegs

Auf in den Süden

Zwischen Tradition und Moderne: Harburg verändert sich rasant. Aber der Stadtteil südlich der Elbe bleibt maritim, grün und großstädtisch.

Werner Pfeifer ist in seinem Element: auf dem Wasser des Harburger Binnenhafens. Mit einem Schlauchboot tuckert er durch die Kanäle, vorbei an alten Speichern und Kontorhäusern, zwischen Schuten und Traditionsschiffen hindurch, neben glitzernden Bürohäusern und einer kleinen Werft rüber zur Schlossinsel mit dem alten Harburger Schloss und den eleganten neuen Wohnhäusern. Zu allen Orten hat er etwas zu erzählen. Der Binnenhafen ist sein Revier, seit er vor 25 Jahren auf der Suche nach einem sicheren Liegeplatz mit seiner zum Wohnschiff umgebauten Hadag-Fähre „Stadersand“ hier ankam.

Als er im Binnenhafen festmachte, hatten viele Betriebe aufgegeben, die Gebäude standen leer und verfielen, erinnert sich Werner Pfeifer. „Der Hafen war fertig.“ Heute boomt er wieder. Etliche Forschungseinrichtungen und Hightech-Unternehmen haben sich angesiedelt. Auf einem alten Bahngelände und der Schlossinsel entstanden viele Wohnungen. In die alten Speicher, Silos und Lagerhallen sind Kultureinrichtungen und Gastronomie eingezogen – oder beides, so wie in der „Fischhalle“ am Kanalplatz, wo ursprünglich der Fisch von den Harburger Kuttern verkauft wurde. Später mehrfach umgenutzt, sollte die Halle schließlich einem Büroneubau weichen. „Aber der Binnenhafen braucht seine eigene Identität, braucht Begegnungsorte, gerade weil immer mehr Menschen hierherziehen“, so Werner Pfeifer, der die Fischhalle unbedingt retten wollte.

Jetzt ist er nicht mehr „nur“ Musiker und Journalist, sondern auch noch Vermieter und Veranstalter. Seit zwei Jahren finden in der Halle regelmäßig Konzerte und Lesungen statt, ein Café bietet Speisen und Getränke, an sonnigen Tagen auch draußen am Wasser. „Unsere Gäste kommen meistens direkt aus der entstehenden Nachbarschaft im Hafen oder aus Harburg und Heimfeld.“

Von der Harburger Innenstadt und Heimfeld ist der Binnenhafen heute durch eine Bahnlinie und eine viel befahrene Bundesstraße getrennt und ein wenig isoliert. Ursprünglich aber war der Binnenhafen das Zentrum von Harburg. Hier stehen immer noch einige der ältesten und schönsten Häuser des Quartiers, vor allem an der Schloßstraße.

Das Zentrum hat sich verlagert in die heutige Innenstadt, die sich gerade genauso rasant ändert wie der Binnenhafen: Aktuell wird unter anderem der Marktplatz am Sand komplett umgebaut und ganz in der Nähe wurde ein leer stehendes Einkaufszentrum am Harburger Ring abgerissen, um Platz zu schaffen für den Bau von Wohnungen, Einzelhandelsflächen und einer Freitreppe zur Seevepassage. Schon bald soll das Bahnhofsumfeld umgestaltet werden. Auch die SAGA baut am Rand der Innenstadt auf einer alten Stellplatzanlage an der Knoopstraße ein Wohn- und Geschäftshaus mit 94 Wohnungen und Gewerbeflächen.

„Der Wohnungsbedarf in Harburg ist groß“, berichtet Jörn Oerzen, Leiter der SAGA-Geschäftsstelle in Harburg. Für eine neue SAGA-Wohnanlage mit 309 geförderten Wohnungen in Heimfeld gab es 10.000 Interessenten. Viele der Wohnungen gingen an „Rückkehrer“ wie Familie Ateş, die schon vorher hier zwischen Denickestraße und Thörlweg in einer Altbauwohnung gewohnt hatte. „Die Neubauten sind ein gutes Beispiel für die gelungene Revitalisierung eines Viertels“, erklärt Jörn Oerzen. „Es sind nach heutigen Ansprüchen moderne Wohnungen für Jung und Alt mit abwechslungsreicher Architektur.“ Weitere 46 Wohnungen entstehen gerade an der Denickestraße.

Mehmet und Özgul Ateş und ihre drei Kinder sind begeistert. „Die neuen Wohnungen sind viel besser“, findet der 40-jährige Industriemechaniker Mehmet Ateş und führt durch die helle Maisonettewohnung mit ihren vier Zimmern. „Das mit den zwei Stockwerken ist echt genial“, erzählt er lachend. „Hier kann man sich auch mal aus dem Weg gehen.“ Die Familie fühlt sich wohl, viele Verwandte wohnen im Viertel, es ist sehr grün, die Innenstadt ist fußläufig erreichbar. „Wir haben hier alles“, sagt Mehmet Ateş. Auch Harburg hat alles: großstädtisch und familiär, grün und maritim, traditionell und modern – kein Wunder, dass Hamburgs Süden immer beliebter wird.

 

Text: Rainer Müller | Fotos: Cornelius M. Braun

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