Quartier

„Das schönste Dorf mitten in Hamburg“

Zwischen Heiligengeistfeld, Messegelände und Schlachthof liegt das Karolinenviertel. Bei einem Bummel durch die Straßen lässt sich vor der Kulisse der schmucken Gründerzeitbauten allerlei entdecken: behagliche Cafés, Geschäfte mit ausgefallener Mode und nachhaltigem Design sowie Kunst an jeder Straßenecke. Eine kleine bunte Oase – auch dank der kreativen Menschen, die hier wohnen und arbeiten.

Die Karolinenstraße begrenzt das quirlige Viertel im Osten, ihr verdankt es seinen Namen. Auf dem Karolinenplatz treffen sich Nachbarn, Skater und Besucher, angelockt vom gastronomischen Angebot. Und im Norden ragt der Fernsehturm hervor – ein imposanter Anblick. Den genießen auch Anna Liora Boyn und Jan Heinecke. Die beiden leben dort mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn Jona in einem denkmalgeschützten Haus von 1907. Jan Heinecke wohnte davor in einer Wohngemeinschaft und wollte gerne in der Gegend bleiben. Dann wurde direkt nebenan eine Wohnung frei – ein Glücksgriff für die junge Familie.

Nur ein paar Minuten Fußweg trennen sie von der Marktstraße, die über die Stadtgrenze hinaus bekannt ist und sich einmal von Osten nach Westen bis zur Schanze durch das Viertel zieht. Galerien, Cafés, Restaurants, Designerboutiquen und inhabergeführte Geschäfte reihen sich hier aneinander: ein Mekka für Mode und Kunstliebhaber.

Zum Beispiel „Hot Dogs“ in der Marktstraße 38: Der Vintage-Laden ist vollgestopft mit Sneakern, Bekleidung, Accessoires – alles zwischen 20 und 90 Jahre alt, vieles Deadstock-Ware, also ungetragen. Nach dem Eintreten ist Inhaber Noah Jurecky sofort zur Stelle und erklärt neuen Kunden erst einmal seinen Laden. Er steht mit Rat und Tat zur Seite, gibt zwischendurch Tipps für ein leckeres Mittagessen im Viertel und plaudert mit Touristen schon mal auf Französisch oder Niederländisch. Seine Leidenschaft für Vintage hat er bereits mit 15 Jahren entdeckt: „Ich wollte schon damals nicht so rumlaufen wie alle anderen.“ Außerdem habe er die Wertigkeit der Vintage-Kleidung erkannt. Seinen ersten Laden eröffnete er in den 1990er Jahren mit Bent Angelo Jensen, der heute durch sein Modelabel „Herr von Eden“ bekannt ist und ebenfalls in der Marktstraße ein Geschäft hat. Warum sie damals ins Karoviertel gingen? „Das war eigentlich eher Zufall. Heute bin ich aber froh darüber“, erklärt Jurecky. Im Karoviertel spüre man die Gentrifizierung nicht so stark wie beispielsweise auf der Schanze, dafür seien die inhabergeführten Läden zu klein. „Das Karoviertel ist das schönste Dorf mitten in Hamburg. Hier nehmen die Menschen sich noch wahr, auf der Straße grüßt man sich. Überhaupt findet das Leben hier ganz viel draußen statt“, fasst es Noah Jurecky zusammen.

FAMILIENFREUNDLICH

Die familiäre Atmosphäre ist auch für Anna Liora Boyn und Jan Heinecke der Grund dafür, dass sie das Karoviertel so sehr mögen. „Ich bin eigentlich kein Großstadtmensch“, erzählt Heinecke. Im Karoviertel fühle er sich trotzdem wohl, denn auch für ihn sei es ein bisschen wie im Dorf. Immer wieder die gleichen Menschen zu sehen, sei es auf dem Karolinenplatz oder auch in der Schlange beim Supermarkt: „Auch wenn man sich nicht unbedingt beim Namen kennt, ist das ein schönes Gefühl“, beschreibt es der Sozialpädagoge. „Es kommt einem hier nicht so vor, als würde man in einer riesigen Stadt wohnen“, stimmt ihm seine Partnerin zu. Und trotzdem habe man alles im Viertel und Planten un Blomen direkt um die Ecke. „Wir bewegen uns hier in einem sehr kleinen Radius“, erzählt sie. Mit Kind sei es überhaupt ideal. Vor der Haustür könne Jona auf seinem Laufrad fahren, außerdem gebe es viele schöne Spielplätze, die sich bei einem Spaziergang entdecken ließen. „Sich mal im Viertel zu verlieren, das lohnt sich. Die Marktstraße ist ja noch nicht das ganze Karoviertel“, schwärmt Heinecke. Nicht nur, um nach Weihnachtsgeschenken zu stöbern oder ein neues Lieblingsteil für die Garderobe zu ergattern, ist das Quartier im Nordosten St. Paulis einen Besuch wert. Auch mal nach links und rechts schauen und die Seitenstraßen wie die Vorwerkstraße, die Ölmühle oder die Glashüttenstraße erkunden, ist sein Tipp.

AUS DER ZEIT GEFALLEN

Das Zusammenspiel aus dichter, gründerzeitlicher Bebauung, versteckten Hinterhöfen, kleinen Passagen und überall auftauchender bunter Streetart verleiht dem ehemaligen Arbeiterviertel seine besondere Anziehungskraft. Die Betriebe und Gewerbe, die den Straßen einst ihre Namen gaben, sind längst verschwunden, viele der Häuser aus dem 19. Jahrhundert zum Glück geblieben. Heute, da Altbauten mit Stuck und alten Dielenböden so begehrt sind, scheint es unvorstellbar, dass es in den 1960er und sogar noch in den 1990er Jahren Pläne gab, das komplette Viertel dem Erdboden gleichzumachen und stattdessen eine Sport- und Kongresshalle zu errichten oder das Messegelände zu erweitern. In die Häuser wurde kaum investiert, sie verkamen immer mehr. Alternative Wohnprojekte siedelten sich an. Das Engagement der Bewohner und schließlich die behutsame Instandsetzung machten das Viertel zu dem, was es heute ist. Zwischen 1988 und 2013 war das Karoviertel offiziell Sanierungsgebiet. Wohnungen und Gewerbeeinheiten wurden modernisiert und neu gebaut, Plätze und Grünflächen gestaltet – es ging endlich wieder aufwärts. Seit 2012 gilt hier die Soziale Erhaltungsverordnung, um die Bewohner vor Verdrängung zu schützen und die Bevölkerungsstruktur zu erhalten. Mehr als 800 Wohnungen gehören hier zum SAGA-Bestand, ein Großteil davon wird aktuell noch von der steg Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg mbH verwaltet.

Das alternative Flair hat das Karoviertel sich bewahrt, auch wenn inzwischen einige schickere Boutiquen eröffnet haben. Ketten gibt es kaum. Sammlerstücke und Trödel machen auch die „Flohschanze“ an der Alten Rindermarkthalle jeden Samstag zu einem beliebten Ziel. Danach lässt es sich hervorragend in einem der vielen lauschigen Cafés aufwärmen und beobachten, wie im Karoviertel das Leben erwacht. Eine Empfehlung von Anna Liora Boyn ist das „Café Klatsch“ in der Glashüttenstraße, das für sein gutes Frühstück bekannt ist. Und das bekommen hungrige Gäste dort jeden Tag bis 19.30 Uhr. Auch das „Café Panter“ besuchen die SAGA-Mieter gerne, oder den Vietnamesen „XeÔm“. Langweilig wird es einem sicher nicht. Das Karoviertel bietet ein Potpourri an interessanten Orten und Menschen, ohne überlaufen und hektisch zu sein – eben klein, aber fein.

 

TIPPS

HANSEPLATTE

Am „Eingang“ zum Karoviertel, direkt neben dem Alten Schlachthof, befindet sich HANSEPLATTE. In diesem Plattenladen dreht sich alles um Hamburg: Hamburger Künstler, Hamburger Labels, Hamburgensien.

Neuer Kamp 32, 20357 Hamburg

www.hanseplatte.de

 

DIE GALERIE DER SCHLUMPER

Hier zeigen wechselnde Ausstellungen Arbeiten der Schlumper, einer Ateliergemeinschaft von Künstlern mit unterschiedlichen Behinderungen.

Marktstraße 131, 20357 Hamburg

www.schlumper.de

 

TEIKEI CAFÉ

Seit diesem Herbst in der Marktstraße: Kaffee aus solidarischer Landwirtschaft. Die Non-Profit-Organisation TEIKEI arbeitet mit Bauern aus Mexiko zusammen und liefert die Bohnen für die vielfältigen Kaffeevariationen. Dazu gibt es Kuchen oder Herzhaftes.

Marktstraße 25, 20357 Hamburg

www.teikeicoffee.org

 

Text: Jördis Aden | Fotos: Hanna Karstens

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