Quartier Unterwegs

Wohnen am Weltkulturerbe

Mitten in Hamburgs Innenstadt liegt ein einzigartiges Geschäfts- und Wohnquartier: das Kontorhausviertel. Hinter imposanten Fassaden findet sich neben Büros, traditionellen Handwerkern, Fachgeschäften und gemütlichen Kneipen auch eine Nachbarschaft wie auf dem Dorf.

Hamburg hat ja eigentlich keine typische Altstadt mit engen Gässchen und Fachwerkhäusern, aber einen Stadtteil namens „Hamburg- Altstadt“. Und diese Altstadt ist etwas ganz Besonderes – zumindest der südliche Teil, das Kontorhausviertel. Das sieht auch die UNESCO so, die 2015 Speicherstadt und Kontorhausviertel gemeinsam mit dem Chilehaus zum Welterbe erklärte. „Ein Drittel meiner Gäste sind inzwischen Touristen. Durch den Welterbe-Status sind das mehr geworden“, sagt Helmut Willig. Der 60-Jährige ist Wirt der urigen Gaststätte „Altstädter Stube“ im Altstädter Hof. So heißt der Häuserblock zwischen Altstädter Straße und Steinstraße. 233 Wohnungen gibt es hier und fast 50 Läden, Werkstätten, Cafés – und eben Gaststätten wie die von Helmut Willig. Erbaut wurde der Häuserblock 1936. Auch die anderen Gebäude im Viertel entstanden in den 1920er und 1930er Jahren: das Chilehaus (ab 1922), der Sprinkenhof (ab 1927) oder das Helmut- Schmidt-Haus (1938), Redaktionssitz der „ZEIT“. Dabei gilt vor allem das Chilehaus als Meisterwerk des Backsteinexpressionismus. Während der NS-Zeit wurden neben weiteren Kontorhäusern auch Wohnhäuser wie der Altstädter Hof errichtet. An seiner Fassade finden sich nicht nur die olympischen Ringe als Referenz an die Spiele 1936 in Berlin, sondern auch Statuen verschiedener Berufe oder Gruppen – etwa Matrosen oder Kindermädchen.

Vor 25 Jahren hat der Wirt das Lokal „Altstädter Stube“ übernommen. Vorher war er Koch in Restaurants wie dem „Old Commercial Room“, wo er Helmut Schmidt traf. „Er hat mich dann gebeten, bei ihm zu Hause in Langenhorn für seine Freitagsgesellschaften zu kochen“, erwähnt Willig ganz beiläufig. Heute sind es neben den Touristen vor allem Stammgäste aus der Nachbarschaft, die sich bei Willig hausgemachte Frikadellen mit Bratkartoffeln schmecken lassen. Viele Produkte sind vom familieneigenen Hof. Eier, Kartoffeln und Obst von dort verkauft er direkt vor seinem Lokal. Auch hier sind es vor allem die Nachbarn, die sich bei Willig eindecken und einen Schwatz halten. „Ich komme ursprünglich vom Dorf und hier im Viertel ist es eigentlich auch wie auf dem Dorf.“ Kein Wunder, denn neben den Wohnungen im Altstädter Hof, der seit 2015 zum Bestand der SAGA gehört, gibt es nur in zwei weiteren Häusern Wohnungen. Rund 500 Menschen wohnen hier und die meisten kennen sich seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten.

Während Helmut Willig vom dörflichen Leben schwärmt, kommt – wie zur Bestätigung – Rosemarie Rittscher vorbei, die schon seit 1971 im Altstädter Hof wohnt. Sie war gerade einkaufen auf dem Wochenmarkt auf dem Burchardplatz gegenüber. Beide duzen sich und plaudern ein wenig. Aber viel Zeit hat Rosemarie Rittscher nicht, hatte sie eigentlich noch nie. Früher besaß die 75-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann einen Blumenladen im Sprinkenhof. Jeden Morgen um halb drei stand sie auf, kaufte Blumen auf dem Großmarkt. Viele Jahre hatte ihre Firma das Hamburger Rathaus mit Blumenbouquets geschmückt, bei Senatsempfängen für den passenden Rahmen gesorgt. Den Blumenladen gibt es heute nicht mehr. Auch sonst hat sich vieles geändert im Kontorhausviertel. Läden und Lokale kommen und gehen. Aber neben Imbissen, die sich auf Mittagessen für die Büroangestellten spezialisiert haben, gibt es hier viele Fachgeschäfte und alte Handwerksbetriebe, darunter Schuhmacher, Schneider oder ein Modelleisenbahnladen. Und auch wenn Rosemarie Rittscher längst in Rente ist, arbeitet sie weiterhin viel. Ehrenamtlich hilft sie in der Kirchengemeinde St. Jacobi gleich nebenan. Obwohl sie als junge Frau vom Dorf aus den Vierlanden kam, ist es „ihre“ Kirche. „Hier haben mein Mann und ich 1986 auf Plattdeutsch geheiratet.“ Ob früher der Blumenladen oder heute die Kirche, der Wochenmarkt oder die „Altstädter Stube“ von Helmut Willig, hier hat sie alles direkt vor der Haustür. „Wenn mir mal die Decke auf den Kopf fällt, ziehe ich meinen Mantel an und gehe rüber in die Mönckebergstraße, da gibts ja immer was zu sehen.“ Wenn Verwandte sie fragen, ob sie nicht in die Vierlande zurückziehen will, sagt sie „Was soll ich da?“. Ihr Dorf ist heute das Kontorhausviertel.

 

TIPPS:

Die Rösterei

Ein gute Alternative zu den Kaffeehaus-Ketten bietet der Hamburger Familienbetrieb. Zuerst im Levantehaus, jetzt im Altstädter Hof. 30 feinste Kaffeesorten aus aller Welt werden hier täglich frisch geröstet, verpackt und verkauft oder vor Ort zubereitet. Dazu gibts köstlichen Kuchen – oder Frühstück und Mittagessen.

Steinstraße 19a

www.die-roesterei.de

Die Porzellanwerkstatt

Kostbare Keramik ging zu Bruch oder die filigrane Figur aus Porzellan? Mit Spezialglasur und Brennofen bekommt die kleine Porzellanwerkstatt Omas gutes Teeservice oder andere Erb- und Lieblingsstücke wieder hin.

Altstädter Straße 11

www.dieporzellanwerkstatt.de        

Führungen

Stattreisen Hamburg bietet unter dem Titel „Tippmamsells und Paternoster“ regelmäßig geführte Touren durch das Kontorhausviertel. Dabei gehts auch ins Chilehaus und zu einigen der beeindruckendsten Treppenhäuser des Viertels.

www.stattreisen-hamburg.de

 

Text: Rainer Müller | Fotos: Cornelius M. Braun

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