Quartier Unterwegs

50 Jahre Bergedorf-West

Im Januar 1969 wird Formel-1-Legende Michael Schumacher geboren. Im Juli betritt Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Und in Hamburg entsteht ein neues Quartier. Wo noch Anfang der 1960er Jahre die Äcker und Wiesen vieler Billwerder Bauern liegen, stehen jetzt Baukräne und wehen Richtkränze – Bergedorf-West nimmt Formen an. 50 Jahre später hat sich vieles verändert.

Im Mai 1969 sind 780 von insgesamt 2.500 Wohnungen bezugsfertig. Zu den ersten neuen Bewohnern gehören Marianne Rissmann und ihr inzwischen verstorbener Ehemann Karl-Heinz. „Das war damals die reinste Bauwüste hier“, erzählt die 80-Jährige. Versorgt wurden die Pioniere im Quartier anfangs von einem Kiosk und einer Verkaufsbaracke mit bescheidenem Sortiment. Doch bereits im September eröffnete das Einkaufszentrum.

Heute ist von der „Bauwüste“ nichts mehr zu sehen. Rund um den ebenfalls 1969 gebauten Hochhauskomplex der SAGA am Ladenbeker Furtweg gibt es attraktive Spielplätze und Mieter-Gemeinschaftsgärten, in denen Obst und Gemüse reifen.

Auch Marianne Rissmann schwärmt von ihrer grünen und gepflegten Umgebung am Friedrich-Frank-Bogen. Doch nicht nur davon. Was der agilen SAGA-Mieterin damals und heute am Herzen liegt, sind die Menschen in ihrem Quartier. Als junge Vollzeit-Mutter stellt sie schnell fest, dass sie „mit dem bisschen Haushalt, der Kind-Beaufsichtigung und den Klönschnacks an der Sandkiste nicht ausgelastet ist“.

Sie findet gleichgesinnte Frauen – „unsere Männer waren ja zur Arbeit“ – in der gerade eröffneten „Spieliothek“ und arbeitet in den verschiedensten Vereinsaufgaben 40 Jahre lang mit. Marianne Rissmanns Engagement ist bis heute groß. Selbst als Flüchtling aus Ostpreußen nach Hamburg gekommen, hat sie viele nachfolgende Einwanderungswellen erlebt. Aktiv hat sie die Neuen bei der Integration in Bergedorf-West unterstützt. Ein wichtiger Ankerplatz im Stadtteil ist dabei das Bürgerhaus „Westibül“. Auch dieses haben Marianne und ihr Mann mitinitiiert. Von Qigong, Shantychor bis hin zu Schach und Doppelkopf gibt es dort eine große Auswahl an Kursen und Veranstaltungen. Beliebt ist der preiswerte tägliche Mittagstisch, den besonders ältere Bewohner genießen.

Kinder und Jugendliche treffen sich im „Pinkhaus“, dem Jugendtreff im Oberen Landweg. Nach der Unterstützung bei den Hausaufgaben können sie sich beim Kochen entspannen, Breakdance lernen oder einfach chillen. Das gelingt am besten unter einem der großen alten Bäume im Park, der das „Pinkhaus“ umgibt.

Trotz der Lage zwischen dem verkehrsreichen Ladenbeker Furtweg und der lauten S-Bahn sei Bergedorf-West ein entspanntes Viertel, meinen Mathias und Svetlana Sinsel. „Es ist hier viel grüner als in Barmbek, wo wir vorher gewohnt haben“, erklären die SAGA-Mieter. „Vor allem aber liegt es auch an den Menschen, die hier leben.“ Für sie als junge Familie mit einer kleinen Tochter sei es einfach gewesen, schnell Kontakt zu anderen Eltern zu bekommen. „Und wir haben hier alles, was wir uns gewünscht haben. Kurze Wege zum Einkaufen, zum Kinderarzt und demnächst auch zur Kita“, freuen sich die beiden. Ein besonderes Highlight sind für die Dreijährige Ausflüge zum Bille-Becken, das nur zehn Minuten von der Wohnung im Friedrich-Frank- Bogen entfernt liegt. Umrahmt von Wiesen, dichtem Gehölz und Spazierwegen ist es ein idyllisches Refugium, bevölkert von zahlreichen Enten, Reihern und Fröschen.

„Unser Bergedorf-West ist zwar ein kleines Quartier, aber mit liebenswerten Menschen und sehr kinderfreundlich“, bekräftigt Mathias Sinsel. „Und hier bleiben wir“, ergänzt seine Frau strahlend.

Aktiv erneuern

Nach 50 Jahren muss so manches überholt werden. Dafür wurde Bergedorf-West in diesem Jahr in das Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung (RISE) aufgenommen. Geplant ist unter anderem die Erneuerung des Einkaufszentrums, die attraktivere Gestaltung der Außenflächen wie beispielsweise rund um den Werner-Neben-Platz und die Stärkung der sozialen Infrastruktur. „Im Rahmen der Stadtteilkonferenzen werden wir die Entwicklung des Quartiers weiterhin aktiv begleiten“, erklärt Janike Obermeit, Leiterin der SAGA-Geschäftsstelle Bergedorf.

 

Text: Kerstin Matzen | Fotos: Sarah Rubensdörffer

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