St. Pauli – rau, aber herzlich

Der Park Fiction ist ein beliebter Treffpunkt - mit spektakulärem Ausblick über den Hafen | Foto: S. Rubensdörffer
Der Park Fiction ist ein beliebter Treffpunkt - mit spektakulärem Ausblick über den Hafen | Foto: S. Rubensdörffer
Ausgabe 2 / 2019 Ausgabe als PDF speichern

Bekannt ist der Stadtteil vor allem als Vergnügungs- und Rotlichtviertel. Doch südlich und nördlich der Reeperbahn ist ein anderes St. Pauli zu entdecken.

Sobald es im Frühjahr die ersten warmen Tage gibt, beginnt das Leben auf der Straße. Kellner stellen Tische und Stühle vor die Cafés und Restaurants. Im Nu sind alle Plätze belegt. Im Park Fiction gegenüber den Blohm + Voss Docks spielen ältere Schüler Basketball; Mädchen und Jungen toben sich auf der Skaterbahn aus. Und im Hintergrund schwimmen die dicken Pötte über die glitzernde Elbe.

Hier im Dreieck zwischen Hein-Köllisch-Platz, Antonistraße, Heidritterstraße und Pinnasberg liegt die St. Pauli Kirche. Sie ist seit ihrem Wiederaufbau vor 200 Jahren das soziale Herz und Namensgeberin des Stadtteils.

Sieghard Wilm, seit 2002 Pastor der St. Pauli Kirche, lebt mit seiner Familie im Gemeindehaus am Park Fiction. Er kennt die Geschichte des Quartiers und die seiner Bewohner. Der 53-Jährige sammelt alte Drucke und erzählt fachkundig über die Entwicklung St. Paulis. Vor 200 Jahren lag die Siedlung noch vor den Toren Hamburgs. Und wer das Bürgergeld in der Hansestadt nicht aufbringen konnte, musste draußen bleiben. So sammelten sich rund um die Kirche die Ärmsten der Armen sowie unliebsame oder stinkende Gewerbe wie die „Thransiederei“ – eben alles, was die „Pfeffersäcke“ in ihrer Stadt nicht wollten. Aus dieser Zeit stammt auch der Ruf der Paulianer, aufrührerisch und widerständig zu sein.

„Das wirkt bis heute nach“, meint Sieghard Wilm, „die heutigen Bewohner sind oft ein wenig kritisch gegenüber der Obrigkeit.“ Aber auch die Solidarität habe eine Tradition. „St. Pauli zieht heute wieder Menschen an, die woanders ihr vielleicht ungewöhnliches Leben nicht leben können. Hier finden sie Menschen, die sie in ihre Nachbarschaft aufnehmen.“

Eine sehr lebendige Nachbarschaft, findet er, denn den Bewohnern sei nicht egal, was in ihrem Viertel passiert. Und wenn es doch mal Schwierigkeiten gibt, hilft das soziale Netzwerk. Dazu gehören das Stadtteilzentrum Kölibri, die Schule, die Diakonie und die Kirche. „Wir bleiben mit allen im Gespräch, auch mit Akteuren, die anderer Meinung sind“, so Wilm.

Dieses offene Miteinander ist für ihn der Hauptgrund, warum es wieder verstärkt junge Familien ins Quartier zieht. Die wachsende Nachfrage spürt auch die SAGA-Geschäftsstelle Mitte, die rund 2.100 Wohnungen auf St. Pauli bewirtschaftet. „Mit unseren Nettokaltmieten von durchschnittlich 7 Euro wirken wir durchaus beruhigend auf den erhitzten Wohnungsmarkt ein“, erklärt Geschäftsstellenleiter Torsten Kruse.

Das Haar in der Suppe sind für Pastor Wilm die Wochenenden, wenn die Touristen über die Reeperbahn ziehen. „Da gehen wir Paulianer lieber in Deckung“, schmunzelt er.

Dem kann sich Sybille Homann nur anschließen. Sie wohnt seit 15 Jahren auf der anderen, nördlichen Seite der Reeperbahn. „Von Freitagabend bis Sonntagnachmittag ist es manchmal die Hölle hier.“ Trotzdem möchte sie nicht woanders leben. Besonders weil sich das Quartier an der Kleinen Freiheit, Paul-Roosen- Straße und Clemens-Schultz-Straße verändert. „Es kommen zunehmend junge Menschen, die eigene Ideen haben und diese ausprobieren.“ Sei es in ihrer Nachbarschaft das vegane Restaurant, die Goldschmiedin, das Designer-Quartett in der Clemens- Schultz-Straße oder die Galerie „Affenfaust“ in der Paul-Roosen-Straße – es gibt viel Neues zu entdecken.

Dabei bleibt Bekanntes erhalten wie der Schuhmacher, der Schneider und der „Kleinermarkt“ mit den gebrauchten Elektrogeräten von Karin Papaioannou und ihrem Mann Angelus. Der gebürtige Grieche ist ein überzeugter Recycler und wirft nichts weg. Geräte, die nicht zu reparieren sind, dienen als Ersatzteillager. Die gebrauchten Waschmaschinen, Kühlschränke oder Geschirrspüler verkauft er immer mit Garantie. Das hat sich herumgesprochen. „Inzwischen kommen Kinder oder sogar Enkel unserer ersten Kunden“, erzählt Karin Papaioannou.

Sybille Homann hat vor drei Jahren ihre Werkstatt mit Ausstellungsraum in der Kleinen Freiheit eröffnet. Dort entstehen Lampen, Vasen oder Karaffen aus Altglas. „Für mich war das kein großes Risiko, denn ich bin hier fest verwurzelt.“ Und wie Sieghard Wilm im südlichen Quartier schwärmt die 52-Jährige von ihrer guten Nachbarschaft: „Wir passen aufeinander auf.“

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