Denk mal weiter in die Zukunft

Foto: A. Bock
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Ausgabe 2 / 2020 Ausgabe als PDF speichern

Quizfrage: Was haben das Hamburger Rathaus, der "Michel" und die Oelsner-Bauten in der Helmholtzstraße gemeinsam? Sie alle stehen unter Denkmalschutz, ebenso wie gut 10.000 weitere Gebäude in der Stadt.

Von reetgedeckten Bauernhäusern in Finkenwerder über Eppendorfer Jugendstilbauten bis zu Bürokomplexen in der City Nord sind fast alle Stadtteile, Baustile und Nutzungsarten vertreten: Kirchen, Schulen, Gewerbebauten und natürlich Wohnhäuser. Auch zahlreiche Wohngebäude der SAGA stehen unter Denkmalschutz – beispielsweise das Gründerzeithaus in der Schillerstraße 19 in Altona aus dem Jahr 1860, dessen Modernisierung gerade abgeschlossen wurde. Die Bandbreite ist also groß und nicht bei allen Bauwerken springt die Denkmalwürdigkeit jedem Betrachter sofort ins Auge. Landläufig gelten ja nur alte und „schöne“ Gebäude als denkmalwürdig. Aber das ist ein Missverständnis. Es gibt gesetzlich festgelegte Kriterien, nach denen das zuständige Denkmalschutzamt ein Bauwerk beurteilt. „Dazu zählen die baugeschichtliche oder künstlerische Qualität, die wissenschaftliche Bedeutung oder die Bedeutung für das Stadtbild“, erklärt Enno Isermann, Pressesprecher der Behörde für Kultur und Medien, zu der das Denkmalschutzamt gehört. Auch relativ neue Gebäude aus der Nachkriegszeit können deshalb schutzwürdig sein.

Die klassischen Hamburger Rotklinkersiedlungen wie die Jarrestadt in Winterhude oder entlang der Straßburger Straße in Dulsberg sind in jedem Fall „stadtbildprägend“. Beide Quartiere „sind ausgesprochen wichtige Zeugnisse der städtebaulichen Entwicklung Hamburgs in den 1920er Jahren“, wie Enno Isermann sagt. Sie wurden vom großen Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher entworfen und „ zeigen auf hervorragende Weise, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts moderne Siedlungen entstanden sind, die breiten Bevölkerungsschichten bessere Lebensverhältnisse verschafft haben“. Auch heute noch sind die Wohnungen sehr beliebt.

Aber natürlich haben sich seither Wohnansprüche und bautechnische Anforderungen weiterentwickelt“, sagt Florian Hagen, der als Projektleiter bei der SAGA für die jüngst abgeschlossene Modernisierung der Fassade im Jean-Paul-Weg (Jarrestadt) verantwortlich war. „Und die Häuser haben ja schon mehr als 90 Winter und 90 Sommer erlebt. Diese Temperaturschwankungen führen zu Spannungen im Material und auf lange Sicht zu Schäden an der Fassade“, erklärt er. „Zunehmend wurden in den Wohnungen Feuchtigkeitsschäden festgestellt, sodass eine denkmalgerechte Modernisierungsvariante erarbeitet werden musste.“ Für jedes geschützte Bauwerk werden die Modernisierungsmaßnahmen vorab mit dem Denkmalschutzamt besprochen, bis eine individuelle Lösung gefunden ist. Bei den Häusern in der Jarrestadt war es dem Denkmalschutzamt wichtig, dass die Fassaden und Proportionen möglichst originalgetreu erhalten bleiben. Statt die Häuser hinter dicken Dämmplatten zu verstecken, bekamen sie eine zweite Haut aus hochwertigen sogenannten Klinkerriemchen. Diese wurden auf vier Zentimeter dünne Dämmträgerplatten geklebt. So konnte eine energetische Verbesserung der straßenseitigen Fassade erreicht werden. Das Erscheinungsbild bleibt fast unverändert. Die alten Kunststofffenster wurden gegen originalgetreue Holzfenster ausgetauscht. „Der Effekt hat sich sofort eingestellt. Mieter sagen uns, dass die Wände jetzt merklich wärmer sind“, so Annabelle Rohde, die mitverantwortlich an dem Projekt beteiligt war. Modernisiert wurden vergangenes Jahr auch die SAGA-Wohnungen in Dulsberg entlang der Straßburger Straße. Obwohl diese Klinkerbauten durch ihre oft einheitlich wirkenden Fassaden das Bild vom „roten Hamburg“ prägen, gibt es im Detail viele Unterschiede, die bei einer denkmalgerechten Modernisierung beachtet werden müssen. In der Helmholtzstraße in Ottensen etwa fallen große Wohngebäude auf, für die Fritz Schumachers Altonaer Pendant Gustav Oelsner verschiedenfarbige Klinker verwendete und die nicht zu Wohnblöcken angeordnet sind, sondern zu lang gestreckten „Zeilen“. Auch diese Wohnhäuser aus dem Jahr 1927 macht die SAGA jetzt denkmalgerecht fit für die Zukunft.

 

Text: Rainer Müller | Foto: Andreas Bock

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